| Jeder hat ein besonderes Talent. Meine Lehrer
sahen darin unseren Lebenszweck oder unsere „Medizin". Es handelt
sich dabei um etwas Einzigartiges, das wir mit in diese Welt bringen, um
es auch zum Nutzen anderer einzusetzen. Es kann Jahre dauern, bis man
dieses Talent in sich entdeckt – und es wird wahrscheinlich noch
länger dauern, bis es auch für andere wahrnehmbar wird. Im Laufe der
Bemühungen, dieses Talent in unsere Gemeinschaft einzubringen, begegnet
man zahlreichen Herausforderungen und muss sich immer wieder entscheiden,
in welche Richtung man geht. Heute möchte ich über eine Entscheidung
schreiben, deren Konsequenzen sich auf das ganze weitere Leben auswirken.
Ich möchte mein Wissen hierüber weitergeben, damit es denjenigen, die
auf dem Weg sind, ein Stück weiterhelfen kann.
Ganz unabhängig davon auf welche Art man spirituell arbeitet, wer
man ist, wo man lebt – eines Tages steht man vor einer sehr wichtigen
persönlichen Entscheidung. Will man sein Talent in den Dienst der
Gemeinschaft und der Erde zum Nutzen aller stellen oder soll es nur für
den persönlichen Vorteil eingesetzt werden? Die meisten der Menschen,
die ich kenne, antworten ohne zu zögern, dass sie selbstverständlich
weitergeben wollen, was ihnen mitgegeben wurde. Doch dies ist in der
Praxis nicht so einfach wie es erscheinen mag. Wenn dieses Talent
vollständig verwirklicht werden soll, muss eine Art von Opfer erbracht
werden, man muss durch einen Sterbeprozess gehen, an dessen Ende der
Teil von uns stirbt, der dem Selbstzweck dient. Ohne den „Tod"
des Selbstzwecks würden wir weiter versuchen, alte Wege intakt zu
halten, und könnten am Ende die eigene Medizin so zurechtbiegen, dass
sie nur dem persönlichen Vorteil dient.
Der „Tod" des Selbstzwecks
Das Loslassen der alten Wege oder unserer aus der Kindheit
übernommenen Ansichten über die Welt ist eine Art des schamanischen
Todes. Es geht nicht um den Tod des Körpers, sondern um alte
Verletzungen, Überzeugungen und Gewohnheiten, die man in seinem Herzen
und seinem Verstand festhält. Läßt man diese gehen, kann sich das
anfühlen wie ein Selbstmord – alles, was man kennt, verschwindet
langsam und man weiß nicht, was als nächstes kommt und ob überhaupt
etwas nachkommt. In dem so entstandenen leeren Raum kann die Medizin,
das Talent, anfangen zu wachsen und wir haben die Möglichkeit
wahrzunehmen, wohin wir uns entwickeln. Das liest sich sicher nicht als
wäre es ein sehr freudvoller Prozess; das ist es auch nicht, während
man hindurchgeht. Ich bestätige meinen Schülern in dieser Phase immer
wieder, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Sie haben bereits viel
Arbeit investiert, um bis zu diesem Punkt zu kommen, und sie können nur
weitergehen, wenn sie sich diesem Prozess anvertrauen. Man kann ihm
nicht ausweichen, man muss ihn durchleben.
Sackgassen
„Ich brauche keinen Lehrer und auch keine Hilfe."
In dieser Zeit ist ein Lehrer wahrscheinlich am wichtigsten für uns.
An diesem Punkt des spirituellen Weges sind wir nicht in der Lage, uns
selbst klar wahrzunehmen. Unser Potential hat sich noch nicht voll
entwickelt und die alten Strukturen sind noch nicht völlig gestorben.
Hier ist es wirklich wichtig, von jemandem begleitet zu werden, der
diesen Abschnitt auf seinem Weg schon durchlaufen hat und uns weiter
durch den Prozess führen kann.
„Ich glaube, ich habe es schon geschafft."
Doch der Prozess ist noch nicht beendet.
Man glaubt, man hat das Ziel erreicht und viele von uns bleiben hier
stehen. Ich glaube, es sieht aus wie das Ende des Weges, weil es für
einige von uns genau das bedeutet. Denn um uns weiterentwickeln zu
können, müssen wir unsere alten Handlungsmuster loslassen. Das kann
sehr viel Angst auslösen.
„Ich weiß jetzt genug."
Ich kenne viele Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt entschieden
haben, nach außen zu gehen und zu lehren, so dass ihr Talent ihnen Geld
oder Ruhm bringen kann. Meiner Erfahrung nach wird das Universum uns
manchmal in schwierige Situationen manövrieren, um herauszufinden, ob
wir uns tatsächlich „verkaufen". Verkaufen wir unser Talent an
diesem Punkt, heißt das meistens, dass wir es nicht mehr leben, d. h.
unsere spirituelle Arbeit hört hier auf.
„Ich tue das alles für dich".
Es ist sehr wichtig, sich über eigenen Beweggründe klar zu sein.
Einige Jahre Erfahrung mit dem Enneagramm oder mit Selbsterfahrung
können uns helfen, unsere Motive zu erkennen, so dass wir nicht aus
alter Gewohnheit handeln, sondern uns bewußt für etwas entscheiden.
Etwas nur für andere zu tun, bedeutet nicht automatisch, dass es auch
zum Besten aller ist. |
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„Ich kenne mich jetzt aus, ich kann nicht mehr auf den falschen Weg
geraten."
Wenn ich als Lehrer diesen Satz höre, weiß ich, dass etwas falsch
läuft. Selbst nach Jahrzehnten spiritueller Arbeit gibt es keine
Garantie dafür, dass man in die richtige Richtung weitergeht.
„Ich pack das allein."
Niemand kann spirituell arbeiten, ohne sich selbst zu reflektieren.
Wir können uns nur durch unser tagtägliches Tun erfahren, durch unsere
Handlungen und durch Kontakte mit den Freunden, der Familie und der
Gemeinschaft. Wir haben wahrscheinlich eine klare Vorstellung davon,
wohin wir uns entwickeln – doch es ist unser tägliches Tun, das uns
hilft, dies Wirklichkeit werden zu lassen und unsere Vision zu leben.
Die Rolle des Lehrers
Wir gehen meistens davon aus, dass wir von Lehrern etwas lernen
können. Doch spirituelle Lehrer haben noch eine zusätzliche Aufgabe:
Sie können uns zeigen, was in uns und in unserem Leben gut läuft und
was nicht. Sie können uns bewußt machen, worauf wir bei uns selbst
achten müssen und auf mögliche Irrwege aufmerksam machen.
Der eigene Beitrag
Auf dem Weg durch diese Zeit kann es helfen, das persönliche
Engagement für uns selbst, für den Spirit und für die Gemeinschaft
erneut zu bekräftigen. Es wird auch unterstützen, wenn wir die eigenen
spirituellen Übungen weiter praktizieren, denn in dieser Phase brauchen
wir sie am meisten. Es wird uns stabilisieren, weiter in der
Gemeinschaft zu bleiben, denn unsere Mitmenschen helfen uns, auf uns
selbst bezogen und ehrlich zu bleiben. Man kann in diesem Zeitraum in
Versuchung geraten, vertraute Menschen und Situationen hinter sich zu
lassen, doch das wirkt sich meistens nachteilig aus.
Ein Leben im Dienst der Gemeinschaft
Meine Lehrer sagten, dass sich diese spirituelle Arbeit positiv für
uns auswirkt, es aber keine Belohnung dafür geben wird. Ich bin der
gleichen Ansicht. Warum
sollte man sich ihr dann widmen? Diese Frage muss jeder für sich
selbst beantworten. Vielleicht hilft es dabei zu wissen, dass andere
diesen Weg schon vorher gegangen sind und diese schwierige Zeit
gemeistert haben. Manche von ihnen haben alles aufgegeben, um dies zu
tun. Sie haben uns einen Weg gebahnt, dem wir folgen können. Und sie
haben uns Hoffnung, Liebe und Inspiration hinterlassen.
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